Russland schikaniert kritische Journalisten, FR-Online
18-12-2007 10:37
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VON FLORIAN HASSEL
Moldawische Redakteurin abgeschoben
Moskau. Für Natalja Morar sollte es die Rückkehr von einer Dienstreise sein. In der Nacht zum Sonntag kehrte die Redakteurin des Wochenmagazins New Times mit russischen Kollegen aus Israel zurück. Als Morar, moldawische Staatsbürgerin, auf dem Moskauer Flughafen zur Passkontrolle kam, wurde sie in ein Zimmer für zu deportierende, illegal eingereiste Ausländer gebracht.
Beamte des Grenzschutzes zwangen Morar, ein Flugzeug nach Moldawien zu besteigen. Sie erklärten, Russlands Inlandsgeheimdienst FSB habe ihre Einreise aus "Gründen nationaler Sicherheit" verboten. Doch die Deportation hat eher mit Interessen hoher Beamter des Geheimdienstes oder des Kreml zu tun. Ende Mai veröffentlichte Morar einen Artikel über Geldwäsche: In nur zwei Monaten sei mehr als eine Milliarde Euro aus Russland herausgeschafft worden, angeblich unter Beteiligung höchster Beamter des Kreml und des FSB. Schon bei der Recherche "drohten mir dem FSB nahestehende Personen, ich sei zu jung und hübsch, um wegen eines Artikels mein Leben aufs Spiel zu setzen", sagte Morar der FR.
Sie verfolgte das Thema aber nicht nur weiter, sondern berichtete zudem Anfang vergangener Woche unter Berufung auf beteiligte Politiker und Bankiers über eine Hunderte von Millionen Dollar umfassende schwarze Kasse des Kreml. Mit ihr sollen Verwaltungschef Sergej Sobjanin und sein Vize Wladislaw Surkow die Finanzen der Parteien im Parlamentswahlkampf kontrolliert haben.
In Moldawiens Hauptstadt Chisinau versuchte Morar am Montag, in der russischen Botschaft die offiziellen Gründe für ihre Abschiebung zu erfahren. "Der Leiter des Konsulardienstes sagte, ihm liege keinerlei Weisung aus Moskau vor", so Morar. "Wir werden gegen die Willkür der Grenzschützer und des FSB vor Gericht ziehen", sagt Jewgenija Albats, Vize-Chefredakteurin der New Times.
Investigative Recherchen
Die Deportation Morars ist nicht das erste Vorgehen gegen das Wochenmagazin. Ende 2006 kaufte die ehemalige Fernsehfrau Irina Lesnewskaja das traditionsreiche, aber etwas verschlafene Magazin und übergab die Redaktionsleitung Raf Schakirow. Unter dem Ex-Chefredakteur des Kommersant und der Iswestija, einem der angesehensten Journalisten Russlands, wurde das Magazin mit investigativen Recherchen etwa zum Mordfall Litwinenko zur Pflichtlektüre.
Doch seit August ist Schakirow wieder einmal Ex-Chefredakteur. Verlegerin Irina Lesnewskaja soll in den Kreml gerufen und von Kreml-Vize Surkow aufgefordert worden sein, Schakirow zu entlassen. Zum Konflikt kam es Schakirow zufolge, als die Verlegerin sich in die Belange des Chefredakteurs einzumischen begann. Daraufhin kündigte Schakirow. Einen neuen Job hat er noch nicht. "Meine russischen Gesprächspartner machen mir klar, dass, sobald sie mich einstellen wollen, ein Anruf aus dem Kreml kommt und ein Veto gegen mich eingelegt wird."
Auch Anastasia Samotorowa ist auf Jobsuche. Drei Jahre lang berichtete die Journalistin für die Wirtschaftszeitung RBK aus dem Weißen Haus, Sitz des Premiers. Dort erlebte sie mit, wie die faktische Zensur für viele Journalisten verschärft wurde. "Der Kollegin einer anderen Zeitung wurden drei Monatslöhne Strafe aufgebrummt, weil sie in einem Artikel den Namen eines Kreml-Abteilungsleiters genannt hatte." Themen wie die Finanzen der Staatsfirmen Gazprom oder Rosneft "wurden für viele zu Tabuthemen", erzählt Samotorowa. Als Mitarbeiterin einer Wirtschaftszeitung, die mit dem deutschen Handelsblatt kooperiert, genoss Samotorowa etwas mehr Freiheit. Reisen mit Regierungschef Michail Fradkow boten Gelegenheit, Hintergrundinformationen zu bekommen - bis Präsident Wladimir Putin Mitte September seinen Petersburger Datscha-Nachbarn Viktor Subkow zum Premier ernannte. "Subkow gab keine Briefings, war sehr verschlossen. Also trugen wir unsere Informationen bei anderen Beamten zusammen."
Doch ein neuer Erlass verbietet allen Regierungsbeamten außerhalb des Pressedienstes den Umgang mit Journalisten. Ende November veröffentlichte Samotorowa darüber einen Artikel. "Dafür wurde ich zuerst belobigt - dann sagte mir der Chefredakteur, die russischen Besitzer der Zeitung seien vom Kreml aufgefordert worden, mich zu entlassen."
Am Freitag forderte Chefredakteur Pjotr Wlassow die Journalistin ihrer Darstellung nach auf, bis Montag schriftlich ihre Entlassung "auf eigenen Wunsch" einzureichen: "Ich habe nachgegeben. Wenn der Kreml deine Entlassung fordert, gibt es nichts, was man dagegen tun kann. Es wird in Russland gefährlich, als Journalist zu arbeiten." Wlassow dagegen sagt, "Frau Samotorowa ist auf eigenen Wunsch ausgeschieden".
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